Die Zeit heilt nicht alle Wunden

Die Zeit heilt nicht alle Wunden

Anke Kleinhanss steht Eltern bei, die ein Kind verloren habe

Vor zehn Jahren wurde der Sohn von Anke Kleinhanss (Foto)auf dem Schulweg von einem Auto überfahren. Heute steht sie Eltern bei, die ebenfalls ein Kind verloren haben – und hat dafür in Düsseldorf die Initiative „ECHO“ mitgegründet.

„Es war ein strahlend blauer Novembertag“, erinnert sich Anke Kleinhanss an den Tag, der ihr Leben auf tragische Weise veränderte. Nichts deutete für sie auf das bevorstehende Unheil hin: keine böse Vorahnung, kein mulmiges Gefühl im Bauch. Der elfjährige Lauritz verabschiedete sich von seiner Mutter und ging zur Schule. „Ich habe immer noch das Bild vor Augen, wie er sich umdrehte, mich anlächelte und winkte.“ Wenig später hörte Anke Kleinhanss die Sirene eines Krankenwagens. Dann kam der Anruf aus der Schule und sie erfuhr von dem Autounfall. Geschockt eilte sie mit ihrer Tochter ins Krankenhaus. Dort versuchten die Ärzte noch das Kind zu retten. Vergeblich. „Es wurde schnell klar, dass Lauritz hirntot war“, sagt Anke Kleinhanss. Ihr Ehemann und sie entschieden sich, die Organe zu spenden. Dafür wurden die Körperfunktionen des Jungen noch einige Tage künstlich aufrechterhalten. „Irgendwann hatte ich keine Kraft mehr zu ihm zu gehen und habe mich verabschiedet.“

Viele Jahre hat es gedauert, bis Anke Kleinhanss über den Tod ihres Sohnes sprechen konnte; viele Wege ist sie gegangen, um die Trauer zu verarbeiten. Heute, zehn Jahre später, wagt sie ein mutiges Projekt: Die 50-Jährige will das Geschehene nicht ruhen lassen, sondern Eltern zur Seite stehen, die ebenfalls ein Kind verloren haben.
Gemeinsam mit Pfarrer Olaf Schaper, Notfallseelsorger der evangelischen Kirche in Düsseldorf, gründete sie Anfang 2015 in der Stadt die Initiative „ECHO“. Der Name steht für „Experience can help others“ (Erfahrung kann anderen helfen) und ist Programm: Betroffene Eltern unterstützen andere in der ersten, akuten Phase der Trauer und leisten praktische Hilfe im Alltag. Etwa indem sie etwas kochen, wenn Vater oder Mutter die Kraft zum Aufstehen fehlt. Oder indem sie die Eltern zum Grab des Kindes begleiten, wenn diese den Anblick allein nicht ertragen können.

„Ich musste erst einmal herausfinden, ob ich dazu überhaupt in der Lage bin“, sagt Anke Kleinhanss rückblickend über ihr ehrenamtliches Engagement. Sie merkt, es gibt eine Grenze: Eltern zu betreuen, deren Kind ebenfalls bei einem Autounfall gestorben ist, wäre zu viel für sie. Aber sie merkt auch, dass es für Betroffene einfacher ist, mit jemandem zu sprechen, der Ähnliches durchgemacht hat. Dass sie anderen mit ihren Erfahrungen helfen kann und dafür selbst etwas zurückbekommt. „Die Zeit heilt nicht alle Wunden. Die Trauer hört niemals auf“, mussten Anke Kleinhanss und ihre Familie erfahren. „Aber man kann nach dem Verlust weiterleben. Das ist wichtig zu erzählen.“